Mit 100 noch ins Riesenrad

Erstellt von Rainer Glissnik | |   Neue Presse

Ferdinand Bozdech ist Jahrgang 1918. Seit er im Landkreis Kronach lebt, ist der Besuch des Freischießens ein Muss.

Der Hundertjährige, der gestern ins Riesenrad stieg: Ferdinand Bozdech kam 1970 erstmals aufs Freischießen und liebt seitdem das Fahren mit dem Riesenrad. Das Foto zeigt ihn mit Sohn Rudolf (rechts), Pflegefachkraft Christina Schukert von der Lucas-Cranach-Tagespflege "meine Zeit" des Diakonischen Werks und Radio-Eins-Moderatorin Uli Noll.

Foto: Rainer Glissnik  

Seine Augen strahlten als Ferdinand Bozdech auf dem Kronacher Freischießen das Riesenrad sah: Am Freitag stieg der hundertjährige Ferdinand Bozdech gemeinsam mit Sohn Rudolf, Pflegefachkraft Christina Schukert, Uli Noll und Detlef König (beide Radio Eins) sowie NP -Mitarbeiter Rainer Glissnik ins Riesenrad. Sichtlich genoss der Hundertjährige die Fahrt.

"Ich bin ein großer Junge" sagte er, weil er sich noch immer auf den Freischießenbesuch und die Fahrt im Riesenrad so freuen kann. Es ist ihm auch eine liebevolle Erinnerung an die Zeiten, als er seit 1970 immer mit seiner Frau zum Freischießen ging und mit ihr von der Gondel aus das Fest aus der Vogelperspektive betrachtete.

Ferdinand Bozdech war damals aus Asch in der Tschechoslowakei in den Landkreis Kronach gekommen und hatte bei der Maschinenfabrik Hans Weber begonnen. Dort war und ist es üblich, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (auch später im Ruhestand) Freimarken für das Kronacher Volksfest bekommen. So kam Ferdinand Bozdech auf das Freischießen, das ihn sofort begeisterte. Sohn Rudolf war viele Jahre im Ausland. Als er 1986 zurückkam, nahmen ihn die Eltern auch gleich mit aufs Fest.

Neben dem Riesenrad erinnert sich der Hundertjährige vor allem an die Schaschliks vom Höring. Seit es diese nicht mehr auf dem Fest gibt, hat er sich auf Zwiebelsteaks umgestellt, die auch heute nicht fehlen dürfen. "Wir genießen die Musik und freuen uns einfach über das schöne Fest", erklärt Sohn Rudolf. Im Rollstuhl schiebt er den Vater über die Rampe zum Riesenrad hinauf. Sofort ist ein Mitarbeiter des Fahrgeschäftsbetreibers zur Stelle und hilft mit. Nachdem noch einige mit in die Gondel wollen, steigt Ferdinand Bozdech aus dem Rollstuhl und lässt sich in die Gondel helfen. Glücklich nimmt er Platz.

Wie viele Erinnerungen ihm wohl durch den Kopf gehen, als das Riesenrad die ersten Runden dreht? Noch vor einem Jahr kamen die beiden Bozdechs beim Riesenradfahren ohne fremde Hilfe aus. "Er fühlt sich für gar nichts zu alt", freut sich Sohn Rudolf.

Pflegefachkraft Christina Schukert von der Lucas-Cranach-Tagespflege "meine Zeit" des Diakonischen Werks in Kronach stieg mit ins Riesenrad. Später gesteht sie, dass es für sie die erste Fahrt ist. Ferdinand Bozdech kommt an zwei Tagen in der Woche zur Tagespflege der Diakonie, die restliche Zeit lebt er in seiner Kronacher Wohnung. Hier unterstützt ihn maßgeblich sein Sohn Rudolf. Früher war Bozdech ein begeisterter Koch und er liebt es nun, wenn sein Sohn mit ihm gemeinsam kocht. In der Tagespflege singt er gerne - vor allem das Oberfrankenlied. Dort fühlt er sich sichtlich wohl, wie das starke Vertrauen zu seiner Betreuerin Christina Schukert immer wieder deutlich sichtbar macht.

"Wir haben extra lange Öffnungszeiten von 7 bis 18 Uhr", erläuterte sie ihre Einrichtung. "Bei uns wird jeden Tag frisch gekocht." Ein ruhig gelegener Garten im Innenhof sei eine prima Ergänzung. Mit den Seniorinnen und Senioren werde viel unternommen, verwies sie auf den gemeinsam organisierten Besuch des Freischießens.

Ferdinand Bozdech ist 1918 in Ölmütz/Mähren noch in der Donaumonarchie Österreich/Ungarn geboren als Untertan des letzten Kaisers Karl I. Seine Kindheit verbrachte er in Leipnik in Nordmähren, der Heimatstadt seiner Mutter. Die Stadt lag nur sieben Kilometer von der deutschen Sprachgrenze entfernt. Nach der ersten Volksschulklasse kam der Umzug nach Lucenec (Südslowakei). Nach dem Schulabschluss folgte die Lehre zum Schlosser. 1936 war er beim Bau einer neuen Eisenbahnstrecke beschäftigt. Lucenec wurde ungarisch. Alle tschechoslowakischen Staatsbürger wurden ausgewiesen, darunter auch seine Familie. Nach der Unabhängigkeit der Slowakei wurde die Familie erneut ausgewiesen, diesmal ins Protektorat Böhmen und Mähren.

Von 1939 bis 1945 war Bozdech in Berlin bei der AEG im Werkzeugbau beschäftigt. Von 1940 bis 1942 besuchte er die Abendfachschule für Maschinenbau, bis diese bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Zwischen 1946 und 1969 lebte und arbeitete er in Asch. Hier schloss er mit Lieselotte Müller den Bund der Ehe. 1954 erblickte Sohn Rudolf das Licht der Welt.

Die Aussiedlung der Familie erfolgte 1969 nach Westdeutschland infolge des Einmarsches der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei nach der Zerschlagung des Prager Frühlings. Er lebte in Theisenort, zog 1987 nach Vogtendorf und erwarb vor zehn Jahren eine Eigentumswohnung am Kreuzberg. 2014 verstarb Ehefrau Lieselotte.

Für alle, die mit ihm in der Gondel saßen, war es ein großartiges Erlebnis. Wieder einmal wurde deutlich, wie viel Freude das Kronacher Freischießen ins Leben bringen kann.

Quelle:
https://www.np-coburg.de/region/kronach/Mit-100-noch-ins-Riesenrad;art83426,6282358

Zurück